KI-markierte Prüfung vs. 90 Min. vollständige manuelle Lektüre
Abweichungsmarkierung bedeutet: Der Anwalt prüft, was die KI markiert hat — nicht das gesamte Dokument von Grund auf.
Die meisten Artikel über KI in der Vertragsprüfung sind für einen bestimmten Kontext geschrieben: grosse Kanzleien, Due-Diligence-Teams bei M&A-Transaktionen, Rechtsabteilungen mit hunderten NDAs pro Woche. Wenn Sie eine 10–15-köpfige Handelskanzlei in der Schweiz oder in Deutschland führen, ist das nicht Ihre Welt.
Sie prüfen vielleicht 80 Verträge im Jahr, in einem guten Jahr 120. Das ROI-Argument sieht bei diesem Volumen völlig anders aus.
Die richtige Frage lautet nicht: „Kann ich 5.000 Dokumente verarbeiten?" Sondern: „Kann ich jede Prüfung von zwei Stunden auf 45 Minuten reduzieren?"
Beginnen Sie mit NDAs
Wer KI in der Vertragsprüfung ausprobieren möchte, sollte mit NDAs beginnen. Sie sind der volumenstärkste und standardisierteste Dokumententyp in jeder Handelspraxis. Jede Mandatsbeziehung erzeugt sie. Ihr Aufbau ist vorhersehbar. Und die Konsequenzen einer übersehenen Klausel sind — bei aller Sorgfaltspflicht — handhabbar genug, um während eines Pilotprojekts eine Mandantenbeziehung nicht zu gefährden.
NDAs bieten die beste Umgebung, um zu testen, ob ein Tool tatsächlich mit Ihren Dokumenten in Ihrer Rechtsordnung funktioniert — bevor Sie ihm einen Liefervertrag oder einen Arbeitsvertrag anvertrauen.
Was KI gut kann
Klauselextraktion ist der Bereich, in dem diese Tools wirklich überzeugen. Standard-NDA-Klauseln — Vertraulichkeitsumfang, Laufzeit und Kündigung, Rechtswahl, Haftungsbeschränkungen — können mit hoher Genauigkeit aus gut formatierten Dokumenten extrahiert werden. Das gilt ebenso für Handelsverträge: Zahlungskonditionen, Verlängerungsklauseln, Change-of-Control-Bestimmungen.
Abweichungsmarkierung ist die natürliche Erweiterung. Sobald Sie Ihr bevorzugtes Playbook definiert haben — also jene Klauselformulierungen, die Ihre Kanzlei als marktüblich im Sinne des OR oder HGB betrachtet — kann die KI Abweichungen markieren. Bei 80 Prüfungen im Jahr ersetzt das keinen Anwalt. Aber der Anwalt verbringt 20 Minuten damit, die markierten Stellen zu prüfen, statt 90 Minuten den Vertrag von Anfang bis Ende zu lesen.
Metadatenextraktion — Vertragsparteien, Daten, Vertragswerte, Fristen — ist inzwischen zuverlässig genug, um direkt in ein Vertragsmanagementsystem einzuspeisen. Die Zeitersparnis bei der Dateneingabe rechtfertigt bereits einen Teil der Werkzeugkosten.
Wo KI an Grenzen stösst
Zivilrechtliche Vertragsgestaltung bleibt eine anhaltende Schwachstelle. Die meisten KI-Tools wurden hauptsächlich anhand englischrechtlicher und US-amerikanischer Verträge trainiert. Ein Tool mit guter Leistung bei New-York-Verträgen schneidet bei Verträgen nach Schweizer OR oder deutschem HGB deutlich schlechter ab. Die syntaktischen Merkmale unterscheiden sich; Schweizer und deutsche Verträge sind typischerweise weniger klauselmodular und stärker in den Fliesstext integriert — was Extraktionstools erheblich verwirren kann.
Das hat eine praktische Konsequenz: Testen Sie jedes Tool stets anhand Ihrer eigenen Dokumente aus Ihrer Rechtsordnung, bevor Sie ein Abonnement unterzeichnen.
Erstellung neuer Klauseln bleibt eine menschliche Aufgabe. KI kann identifizieren, dass eine Klausel abweicht. Sie kann aber keine Ersatzformulierung entwerfen, die sowohl rechtlich korrekt als auch kommerziell angemessen für den konkreten Transaktionskontext ist.
Kontextabhängige Risikobewertung erfordert professionelles Urteilsvermögen, das aktuelle Tools nicht zuverlässig liefern. Ob eine Haftungsbeschränkung akzeptabel ist, hängt von der Geschäftsbeziehung, der Risikobereitschaft des Mandanten und der Bonität der Gegenpartei ab — Faktoren, die ausserhalb des Dokuments liegen.
Schweizer und DACH-taugliche Tools
Neben den etablierten angloamerikanischen Plattformen (Kira, Luminance, Ironclad) gibt es inzwischen mehrere Tools, die speziell für den Schweizer und DACH-Markt entwickelt wurden:
CASUS (Zürich) ist ein KI-Assistent für Vertragserstellung und -prüfung mit Word-Add-in und Web-App, gehostet auf Schweizer Servern nach Schweizer Datenschutzrecht.
Legartis (Zürich) bietet KI-gestützte Vertragsprüfung mit über 160 vortrainierten Klauseltypen auf Deutsch, Englisch und Französisch. Schweizer Hosting, 90%+ Genauigkeit für trainierte Klauseltypen — primär für Rechtsabteilungen ausgelegt, aber relevant für Kanzleien mit standardisiertem Vertragsvolumen.
Swiss-Noxtua (Basel/Berlin) — die ambitionierteste Schweizer Plattform — kombiniert Rechtsrecherche, Dokumentenanalyse und Vertragserstellung in einem Workspace mit exklusivem Zugang zu Basler Kommentar und Commentaire romand. Anfang 2026 in der Vorlaunchphase, aber die Entwicklung lohnt es zu verfolgen.
Wichtigste Frage an jeden Anbieter: Verlangen Sie ausdrücklich Genauigkeitswerte für Schweizer OR- oder deutsches HGB-Vertragskorpora — nicht aggregierte Gesamtleistungszahlen.
Vier Wochen bis zur ersten Entscheidung
Woche 1: Wählen Sie einen Dokumententyp und sammeln Sie Beispiele. Nehmen Sie NDAs. Ziehen Sie 20 Beispiele aus Ihren eigenen Akten — eigene Entwürfe und Gegenentwürfe, kurze und lange, auf Deutsch und ggf. Englisch.
Woche 2: Führen Sie eine kostenlose Testversion mit Ihren eigenen Dokumenten durch. Die meisten Tools bieten 14- bis 30-tägige Testphasen. Laden Sie Ihre 20 NDAs hoch — ohne das Demomaterial des Anbieters vorher zu lesen. Schauen Sie unvoreingenommen, was das Tool produziert.
Woche 3: Vergleichen Sie die KI-Ausgabe mit Ihrer eigenen Prüfung. Nehmen Sie fünf NDAs und prüfen Sie sie selbst wie gewohnt. Vergleichen Sie anschliessend Ihre Befunde mit dem, was die KI markiert hat. Achten Sie besonders auf das, was die KI übersehen hat.
Woche 4: Treffen Sie eine Entscheidung. Wenn die KI 85%+ Ihrer Befunde gefunden hat und die Lücken vorhersehbar und manuell überprüfbar sind, ist das Tool wahrscheinlich nützlich. Wenn die Lücken zufällig verteilt sind, ist das Tool nicht zuverlässig genug für Ihre Praxis.
Berufshaftpflicht — vorab klären
Bevor Sie KI-gestützte Prüfungen in einem echten Mandatsverhältnis einsetzen, klären Sie das mit Ihrem Berufshaftpflichtversicherer. Die meisten Policen wurden noch nicht an die KI-Nutzung angepasst. Die SAV-KI-Leitlinien vom Juni 2024 sind eindeutig: Ihre persönliche Haftung für KI-Fehler bleibt unverändert bestehen, unabhängig davon, was der Softwarevertrag des Anbieters besagt.
Dokumentieren Sie Ihren Prozess. Wenn die KI eine Klausel markiert hat und Sie diese nach Prüfung akzeptiert haben, halten Sie das fest. Das Protokoll muss zeigen, dass die menschliche Prüfung stattgefunden hat.
Tool-Auswahl: Vier Fragen
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Welche Rechtsordnung liegt den Trainingsdaten zugrunde? Bei überwiegend Schweizer oder deutschem Recht: Verlangen Sie Nachweise für substanzielle Trainingsdaten aus diesen Rechtsordnungen.
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Wie anpassbar ist das Playbook? Die besten Tools erlauben eigene Klauselbibliotheken und Abweichungsschwellen.
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Wie ist die Integration in Ihr DMS? Ein Tool ausserhalb Ihres Dokumentenmanagementsystems wird innerhalb von drei Monaten nicht mehr genutzt.
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Welches Protokoll gibt es? Sie müssen nachweisen können, dass ein qualifizierter Anwalt die KI-Ausgabe geprüft und freigegeben hat.
Checkliste: Vertrags-KI-Pilotprojekt
0/0Wenn Sie KI-Tools für Ihre Kanzlei evaluieren oder eine stockende Implementierung begleiten möchten, nehmen Sie Kontakt auf. Ich begleite Kanzleien von der Tool-Auswahl über die Workflow-Gestaltung bis hin zum Change Management.