Der Vertragsstreitigkeiten
entstehen durch Missverständnisse, nicht durch böse Absicht — die Umsetzungslücke ist ein Designproblem, kein Compliance-Problem (Branchenschätzungen)
Die meisten Verträge werden heute noch so verfasst wie vor dreissig Jahren. Dicht. Klausellastig. Optimiert für den Streitfall, nicht für die Geschäftsdurchführung. Trotz zwei Jahrzehnten Legal-Tech-Versprechen hat sich an der grundlegenden Vertragserfahrung kaum etwas geändert.
Generative KI verändert das — nicht primär, weil sie das Drafting automatisiert (obwohl sie das tut), sondern weil sie einen tiefgreifenderen Wandel ermöglicht: von Verträgen als Rechtsartefakten hin zu Verträgen als strategischen Instrumenten. Das ist die zentrale These von Generative AI, Contracts, Law and Design, einem neuen Sammelband herausgegeben von Corrales Compagnucci, Haapio und anderen, erschienen bei Springer 2025. Das Einleitungskapitel legt fünf Themen dar, die jede Rechtsfachperson im Vertragsbereich kennen sollte.
Was davon für die Praxis in der Schweiz und Europa relevant ist — und warum.
Die Umsetzungslücke: real und teuer
Es gibt ein gut dokumentiertes Problem in der Vertragspraxis, das im Buch als "Implementation Gap" bezeichnet wird. Verträge werden von Rechtsteams entworfen, von der Geschäftsleitung unterzeichnet und dann an operative Mitarbeitende übergeben, die die Pflichten tatsächlich erfüllen müssen. Das Problem: Diese Mitarbeitenden verstehen häufig nicht, was der Vertrag von ihnen verlangt.
Das ist kein Schulungsproblem. Es ist ein Designproblem. Verträge sind in einem Register verfasst, das juristischer Präzision dient, aber an der praktischen Kommunikation scheitert. Die Folge: Nichterfüllung, verpasste Fristen und Streitigkeiten, die hätten vermieden werden können — alles mit konkreten Kosten.
GenAI vereinfacht nicht bloss die Sprache. Die Technologie kann rollenspezifische Vertragsleitfäden generieren, Pflichtenzusammenfassungen für verschiedene Stakeholder extrahieren und visuelle Darstellungen komplexer Workflows erstellen. Das Kapitel hebt Arbeiten von Waller, Haapio und Shone hervor, die GenAIs Fähigkeit zur Erstellung von Vertragsleitfäden mit denen erfahrener Informationsdesigner vergleichen. Die Ergebnisse sind vielversprechend — nicht perfekt, aber vielversprechend.
Vom reaktiven Recht zum proaktiven Vertragsdesign
Die folgenreichste Idee des Kapitels ist der Wandel vom reaktiven zum proaktiven Recht. Die traditionelle Rechtspraxis ist grundsätzlich reaktiv: Sie entwerfen einen Vertrag zur Risikosteuerung, und wenn etwas schiefgeht, wird prozessiert. Proaktives Recht kehrt das um. Sie gestalten Verträge, um Streitigkeiten zu verhindern und erwünschte Ergebnisse von Anfang an zu fördern.
GenAI macht proaktives Vertragsdesign praxistauglich — auf eine Weise, die vorher nicht möglich war:
- Prädiktive Risikoerkennung. KI kann Vertragsportfolios analysieren und Muster identifizieren, die mit Streitigkeiten, Verzögerungen oder Nichterfüllung korrelieren — bevor sie eintreten.
- Szenariosimulation. Statt für den schlimmsten Fall zu entwerfen und auf das Beste zu hoffen, können Sie verschiedene Vertragsstrukturen gegen wahrscheinliche Szenarien modellieren.
- Dynamische Vertragsanpassung. Verträge können mit eingebauter Flexibilität gestaltet werden, unterstützt durch KI-Monitoring, das signalisiert, wenn sich Bedingungen ändern, und Anpassungen vorschlägt.
Das ist nicht theoretisch. Das Buch dokumentiert Fallstudien, in denen KI-gestütztes Vertragsdesign auf nachhaltige Finanzwirtschaft, Gesundheitsdaten-Governance und Handelsverträge angewandt wurde. Der gemeinsame Nenner: Mit KI-Unterstützung gestaltete Verträge sind verständlicher, handlungsfähiger und besser auf Geschäftsziele ausgerichtet.
Nehmen Sie das Beispiel nachhaltige Finanzwirtschaft. Die EU-Regulierung zur nachhaltigen Finanzwirtschaft zielt darauf ab, die Ziele des Green Deal zu erreichen, doch wirtschaftliche Effizienz und Nachhaltigkeit werden oft als widersprüchlich wahrgenommen. Das Buch präsentiert einen Fall, in dem ein Team spezialisierter KI-Agenten — eine „AI Crew" — eingesetzt wurde, um diese Perspektiven für ein europäisches Textilunternehmen zu versöhnen. Jeder Agent bearbeitete einen anderen Aspekt des Finanzmanagements, von ESG-Berichterstattung bis Kostenoptimierung. Die Ergebnisse zeigen, dass GenAI nicht auf Texterzeugung beschränkt ist — die Technologie kann komplexe analytische Workflows orchestrieren, die strategische Entscheidungen über mehrere Dimensionen gleichzeitig unterstützen.
Der EU AI Act bestimmt, wie Sie diese Tools einsetzen dürfen
Jede Diskussion über GenAI in der Rechtspraxis 2026 muss den EU AI Act (Verordnung 2024/1689) berücksichtigen, der schrittweise in Kraft tritt. Die Verordnung schafft einen risikobasierten Rahmen, der direkt beeinflusst, wie Kanzleien und Rechtsabteilungen KI-Tools einsetzen können.
Für Schweizer Kanzleien ist die Lage differenziert. Die Schweiz ist kein EU-Mitgliedstaat, aber Schweizer Kanzleien, die EU-basierte Mandanten beraten oder Verträge unter EU-Recht bearbeiten, müssen compliant sein. Der Bundesrat beobachtet den EU AI Act aufmerksam, und eine Angleichung ist im Zeitverlauf wahrscheinlich.
Das Kapitel von Metin und Kerikmae formuliert eine pointierte Sorge: Der Drang zu KI-gestützter Effizienz in Justizsystemen könnte die Rechtsstaatlichkeit gefährden, wenn Transparenz, Rechenschaftspflicht und Zugang zum Recht nicht in die Tools selbst hineingestaltet werden. Das ist keine Technologieskepsis — es ist eine Designanforderung.
Verantwortungsvolle KI ist ein Designproblem, keine Compliance-Checkliste
Das Kapitel führt das Konzept der „Responsible AI" ein — die Idee, dass KI-Systeme sicher, transparent und an gesellschaftlichen Werten ausgerichtet sein sollten. Das klingt nach Allgemeinplatz, bis man sich die Einzelheiten ansieht.
Im Kontext juristischer KI bedeutet verantwortungsvolles Design:
- Bias-Auditing. Juristische KI, die auf historischer Rechtsprechung trainiert wurde, übernimmt die Verzerrungen dieser Rechtsprechung. Wenn Ihr Vertragsprüfungstool vorwiegend auf US- oder UK-Verträgen trainiert wurde, erkennt es möglicherweise schweiz- oder kontinentaleuropaspezifische Probleme nicht.
- Transparenz der Begründung. Wenn ein KI-Tool eine Vertragsklausel vorschlägt oder ein Risiko markiert, müssen Sie verstehen, warum. Black-Box-Empfehlungen sind mit Berufspflichten unvereinbar.
- Daten-Governance. Vertragsdaten sind sensibel. Wo sie verarbeitet werden, wer Zugriff hat und wie sie aufbewahrt werden, sind keine optionalen Überlegungen — sie sind berufsrechtliche Anforderungen.
Menschzentriertes Design — beim Tool und bei den Ergebnissen
Das Kapitel trifft eine leicht zu übersehende Unterscheidung: Menschzentriertes Design gilt nicht nur für die Oberfläche des KI-Tools, sondern auch für dessen Ergebnisse. Ein KI-Vertragstool mit einem intuitiven Dashboard ist wertlos, wenn die Verträge, die es produziert, für die Personen, die danach handeln müssen, weiterhin unverständlich sind.
Hier treffen Legal Design Thinking und GenAI-Fähigkeiten aufeinander:
- Visuelle Verträge. KI kann visuelle Darstellungen von Vertragsstrukturen, Zeitplänen und Pflichtenabläufen erzeugen, die komplexe Vereinbarungen navigierbar machen.
- Interaktive Schnittstellen. Statt eines statischen PDF können Verträge als interaktive Dokumente bereitgestellt werden, in denen Stakeholder die für ihre Rolle relevanten Klauseln erkunden können.
- Zielgruppenspezifische Kommunikation. Derselbe Vertrag kann Rechtsteams, operativen Managern und der Geschäftsleitung unterschiedlich präsentiert werden — jede Gruppe sieht die für ihre Entscheidungen relevantesten Informationen.
70 %
Der Vertragsstreitigkeiten
entstehen durch Missverständnisse, nicht durch böse Absicht (Branchenschätzungen)
3x
Verständnisverbesserung
wenn Verträge visuelle Designelemente nutzen (Legal-Design-Forschung)
45 %
Zeitersparnis
bei der Erstprüfung von Verträgen mit KI-Unterstützung (LawGeex-Benchmarks)
Der übergeordnete Punkt: GenAI bedeutet nicht nur Effizienz. Es geht darum, Verträge als Instrumente der Zusammenarbeit und des Vertrauens besser funktionieren zu lassen. Wenn Verträge für alle Parteien verständlich sind — nicht nur für die Anwälte — wirken sie als Werkzeuge der Abstimmung statt als Quelle von Reibung.
Was das für Schweizer Rechtsprofis bedeutet
Wenn Sie im Vertragsrecht, in der Unternehmensberatung oder in einer Rechtsabteilung in der Schweiz oder der DACH-Region arbeiten, ergeben sich fünf praktische Handlungsempfehlungen aus diesem Kapitel:
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Prüfen Sie Ihr Vertragsportfolio auf die Umsetzungslücke. Identifizieren Sie Verträge, bei denen operative Teams mit Verständnis und Compliance kämpfen. Das sind Ihre wertvollsten Ansatzpunkte für KI-gestütztes Redesign.
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Bewerten Sie GenAI-Tools nach proaktiven Kriterien. Fragen Sie nicht nur, ob ein Tool schneller entwerfen kann. Fragen Sie, ob es Risiken erkennen, Szenarien simulieren und zielgruppenspezifische Ergebnisse generieren kann.
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Bauen Sie EU-AI-Act-Wissen jetzt auf. Auch wenn Ihre Kanzlei in der Schweiz domiziliert ist — die Mandantenexposition gegenüber EU-Regulierung ist nahezu sicher. Frühes Verständnis der Risikokategorien und Compliance-Pflichten ist ein Wettbewerbsvorteil.
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Verlangen Sie Transparenz von KI-Anbietern. Fragen Sie nach Trainingsdaten, Bias-Auditing und Halluzinationsraten. Wenn ein Anbieter diese Fragen nicht beantworten kann, ist er nicht bereit für den juristischen Einsatz.
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Beginnen Sie mit menschzentrierten Ergebnissen, nicht nur Tools. Der Massstab für den Erfolg ist nicht, ob Ihr Team KI nutzt — sondern ob die Verträge, die Ihr Team erstellt, verständlicher, handlungsfähiger und besser auf Geschäftsziele ausgerichtet sind.
Das Ende von „Legal Writing as usual"
Eines der provokantesten Argumente im Buch stammt von Helena Haapio, die fordert: „No more legal writing in contracts!" Das ist mehr als eine rhetorische Geste. Seit Jahrzehnten werden Verträge als formelle Rechtsdokumente behandelt, die von Anwälten für Anwälte geschrieben werden. Ihre Struktur, ihr Ton und ihre Sprache sind über die Zeit bemerkenswert konstant geblieben — sie spiegeln vererbte Formulierungskonventionen wider, nicht die Bedürfnisse der Menschen, die sie tatsächlich nutzen.
Haapios Argument: Wenn der Zweck von Verträgen darin besteht, gemeinsame Ziele zu setzen und zu erreichen, sollte ihre Sprache nicht wie ein geheimnisvoller Zauberspruch wirken. Der Aufstieg visueller Verträge, Initiativen für klare Sprache und die GenAI-Integration in den Vertragsprozess stellen langjährige Annahmen darüber in Frage, wofür Verträge da sind und wie sie funktionieren sollten. Wenn man „Legal Writing as usual" hinter sich lässt, werden Verträge zu Werkzeugen für Verständnis und Handlung — nicht bloss zu Instrumenten des Rechtsschutzes.
Das hat Auswirkungen darauf, wie Anwältinnen und Anwälte ihre eigene Rolle sehen. Die traditionelle Position — Feuerwehr, Übersetzer, Hüter der Regeln — weicht etwas Ambitionierterem: proaktive Lösungsanbieterin und strategische Ermöglicherin. Partnerin bei der Gestaltung besserer Ergebnisse, nicht bloss beim Dokumentieren bestehender Bedingungen.
Der Weg nach vorn
Die Konvergenz von GenAI, Vertragsrecht und Design Thinking ist keine Zukunftsvision — sie findet jetzt statt. Die Kanzleien, die führen werden, sind nicht unbedingt die mit den grössten KI-Budgets. Es sind die, die verstehen, dass der Zweck eines Vertrags nicht darin besteht, im Nachhinein rechtlich verteidigbar zu sein, sondern in der Gegenwart praktisch nützlich zu sein.
Auch die Fragen zum geistigen Eigentum sind erheblich. KI-generierte Kunst und Inhalte verwischen die Grenzen zwischen Originalwerken und abgeleiteten Werken, und die Nachbildung charakteristischer künstlerischer Stile wirft Bedenken auf, für die bestehende Urheberrechtsrahmen nicht konzipiert wurden. Für Vertragsfachleute ist das relevant, weil KI-generierte Vertragsklauseln, Vorlagen und Designs analoge Fragen zu Originalität, Eigentum und Zuordnung aufwerfen.
Generative AI, Contracts, Law and Design liefert eine solide intellektuelle Grundlage für diesen Wandel. Das hier besprochene Kapitel formuliert die zentralen Fragen. Die Antworten werden von Praktikerinnen und Praktikern kommen, die bereit sind, den Zweck von Verträgen neu zu denken — und die jetzt verfügbaren Werkzeuge zu nutzen, um sie besser zu machen.
Dieser Artikel basiert auf Kapitel 1 von Generative AI, Contracts, Law and Design (Springer, 2025), herausgegeben von M. Corrales Compagnucci, H. Haapio, M. Fenwick und anderen. Das Buch ist Teil der Reihe Perspectives in Law, Business and Innovation.