Sie kennen das Szenario. Ein fünfzigseitiger Liefervertrag liegt auf Ihrem Tisch. Absatz um Absatz dicht gepacktes Juristendeutsch, und irgendwo in Klausel 14.3(b)(ii) steckt der eine Satz, der für die Geschäftsbeziehung tatsächlich relevant ist. Das Beschaffungsteam Ihres Mandanten überfliegt das Dokument, unterschreibt, legt es ab — und schaut erst wieder hinein, wenn etwas schiefgeht.
So sieht Vertragsarbeit im Jahr 2026 aus. Und es funktioniert nicht.
Der B2B-Vertragsklauseln
betreffen geschäftliche und finanzielle Angelegenheiten — nicht juristische — dennoch werden diese Verträge von Juristen für Juristen geschrieben (WorldCC)
Das Problem mit dem Zauberspruch
In einem aktuellen Buchkapitel ziehen die Vertragsdesign-Forscher Helena Haapio und Marcelo Corrales Compagnucci einen provokanten Vergleich: Traditionelle juristische Vertragssprache funktioniert wie ein Zauberspruch. Die Analogie ist treffender als sie zunächst klingt. Wie Zaubersprüche stützt sich juristische Sprache auf rituelle Formeln, vererbte Beschwörungen und Fachvokabular, das nur Eingeweihte entschlüsseln können. "Unbeschadet des Vorstehenden," "einschliesslich, aber nicht beschränkt auf," "die Zeit ist von wesentlicher Bedeutung" — das ist keine Kommunikation. Das ist Performanz.
Die Parallele reicht tiefer als eine blosse Metapher. Im altrömischen Recht verlangte das legis actio-Verfahren von den Parteien, bestimmte Wortformeln zu rezitieren, um ein Rechtsverfahren einzuleiten. Wurde die Formel falsch gesprochen, war der Anspruch nichtig. Recht als Beschwörung. Wir glauben, das überwunden zu haben — doch in der Praxis funktionieren viele Vertragsklauseln noch immer so. Im US-amerikanischen Uniform Commercial Code muss etwa zur Abbedingung der Gewährleistung der Marktgängigkeit das exakte Wort "merchantability" verwendet werden. Das Zauberwort muss gesprochen werden.
Das Ergebnis ist das, was die Forscher ein "dunkles Erbe" nennen: Das angesammelte Gewicht vererbter Vorlagen, recycelter Standardklauseln und unhinterfragter Entwurfskonventionen, die über Generationen weitergegeben werden. Alte Formulierungen werden in moderne Klauselbibliotheken und Vertragsmanagementsysteme eingebettet. Technologie behebt das Problem nicht — sie verstärkt es und verbreitet veraltete Formeln schneller und breiter als je zuvor. Garbage in, Garbage out, in grossem Massstab.
Warum der Zauberspruch fortbesteht
Wenn das alles so offensichtlich dysfunktional ist, warum hält es sich? Drei Gründe.
Institutionelle Trägheit. Kaum ein Vertrag wird von Grund auf neu erstellt. Verträge beginnen als Vorlagen, die aus früheren Vorlagen hervorgingen, deren Sprache wiederum Jahrzehnte alten Gesetzen und Gerichtsentscheidungen entstammt. Niemand hinterfragt den Wortlaut, weil niemand das Haftungsrisiko einer Änderung tragen will. Der Druck, "professionell" und "juristisch korrekt" zu wirken, verstärkt den Kreislauf.
Machtdynamik. Studien zeigen, dass verschachtelte juristische Sprache nicht bloss ein Nebenprodukt der Tradition ist — sondern in vielen Fällen eine bewusste Wahl. Komplexe Sprache festigt Autorität, signalisiert Legitimität und erhält Hierarchien. Je undurchdringlicher der Vertrag, desto mächtiger wirkt der Verfasser. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern ein gut dokumentiertes Merkmal von Berufssprachen.
Angst vor den Gerichten. Juristen befürchten — nicht unbegründet —, dass vereinfachte Sprache mehrdeutig sein könnte, dass Gerichte klare Begriffe anders auslegen könnten, dass das Abweichen von "bewährten" Formulierungen Risiken schafft. Diese Angst ist real, aber oft überzogen. Sie erzeugt ein Paradox: Verträge, die Streitigkeiten verhindern sollen, sind so unklar, dass sie welche provozieren.
Den Bann brechen: Drei Wellen
Das Kapitel zeichnet drei Wellen der Disruption nach, die das alte Modell aufbrechen.
Welle 1: Klare Sprache
Die Klarsprache-Bewegung baut seit Jahrzehnten auf. Carl Felsenfeld und Alan Siegel leisteten 1975 mit einem benutzerfreundlichen Kreditformular für die Citibank Pionierarbeit. Der US Plain Writing Act von 2010 verpflichtete Bundesbehörden zu klarer Kommunikation. Viele Länder folgten. In der Schweiz veröffentlicht die Bundeskanzlei seit langem Leitfäden zur verständlichen Verwaltungssprache in allen vier Landessprachen. In Deutschland hat die Gesellschaft für deutsche Sprache ähnliche Standards gesetzt.
Doch klare Sprache allein genügt nicht. Ein Vertrag in klarer Sprache kann immer noch wie eine Textwüste aussehen. Der Inhalt ist verständlicher; das Erlebnis bleibt gleich.
Welle 2: Visuelles Vertragsdesign
Die wirklich sichtbare Disruption kam durch die Vertragsvisualisierung. Ab den späten 1990er-Jahren experimentierten Forscher mit Diagrammen, Zeitachsen, Icons und geschichteten Layouts in Verträgen. Der Durchbruch kam 2016, als der südafrikanische Anwalt Robert de Rooy Comic Contracts einführte — nicht Comics über Verträge, sondern Comics als Verträge. Diese erwiesen sich als rechtsverbindlich, verständlich für Menschen mit eingeschränkter Lesekompetenz, und sorgten weltweit für Aufmerksamkeit.
WorldCC und seine Partner entwickelten eine Contract Design Pattern Library — eine frei zugängliche Sammlung wiederverwendbarer Designmuster für Struktur, Sprache, Navigation, Schichtung und Visualisierung. Unternehmen wie Shell und Airbus nutzen diese Muster. Doch die Skalierung blieb schwierig. Visuelle Formate waren ressourcenintensiv, schwer zu replizieren und oft von der Vertragstechnologie nicht unterstützt.
Welle 3: Generative KI
Hier verändert sich die Gleichung grundlegend. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 kann jeder — nicht nur Teams mit Designexpertise — Vertragssprache vereinfachen, Zusammenfassungen in klarer Sprache erstellen, geschichtete Layouts generieren und Vertragsinhalte auf verschiedene Zielgruppen zuschneiden. In Sekunden.
Entscheidend ist nicht nur die Geschwindigkeit — es ist die Verschiebung der Teilhabe. Bisher erforderte Vertragsvereinachung ein Designteam, einen Klarsprache-Spezialisten und wochenlange Iteration. Heute kann ein einzelner Praktiker mit einem durchdachten Prompt einen ersten Entwurf produzieren, der klarer ist als das, was die meisten Klauselbibliotheken bieten. Die Demokratisierung des Vertragsdesigns ist real und beschleunigt sich.
Das Kapitel enthält ein eindrückliches Experiment. Die Autoren nahmen eine Nachhaltigkeitsklausel aus den European Model Clauses (EMCs) — einen dichten, einzigen Satz voller verschachtelter Bedingungen und Fachjargon — und baten ChatGPT, zunächst die Juristensprache zu identifizieren und dann die Klausel in klarer Sprache umzuschreiben. Die Originalklausel umfasste 90 Wörter in einem einzigen Satz mit drei verschachtelten Bedingungsstrukturen und einer Ausnahme von einer Ausnahme. Die umgeschriebene Version teilte sie in drei kurze Absätze mit einer Aufzählung der Ausnahmen auf. Das Ergebnis war klar strukturiert, bewahrte die rechtliche Bedeutung und war für Nicht-Juristen zugänglich.
Das Tool hörte dort nicht auf. Es bot an, eine geschichtete Version, ein Checklisten-Format und sogar — mit charakteristischem Enthusiasmus — einen "Contract SpellChecker" zu erstellen. Der Punkt ist nicht, dass KI alles richtig macht. Das tut sie nicht. Der Punkt ist, dass sie den ersten Schritt von undurchdringlich zu verständlich trivial einfach macht und damit die grösste Hürde für die Umsetzung beseitigt: den Aufwand, überhaupt anzufangen.
Was das für die Schweizer und DACH-Rechtspraxis bedeutet
Sie denken vielleicht: Das klingt nach einer angelsächsischen Diskussion. Ist es nicht. Die Implikationen betreffen Ihre Jurisdiktion unmittelbar.
Das Schweizer Vertragsrecht ist bereits flexibel. Das Obligationenrecht (OR) stellt wenige formale Anforderungen an die Vertragssprache. Anders als Common-Law-Jurisdiktionen mit ihrer "Magic Words"-Doktrin honoriert das Schweizer Recht grundsätzlich den Parteiwillen. Das gibt Ihnen mehr Freiheit zur Vereinfachung — und weniger Ausreden, es nicht zu tun.
Der EU-Regulierungsdruck wächst. Der EU AI Act, die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) und Lieferkettengesetze in Deutschland (LkSG) und der EU schaffen neue Klassen von Vertragsklauseln, die von nicht-juristischen Beteiligten verstanden und umgesetzt werden müssen. Wenn Ihre Nachhaltigkeitsklauseln für die Supply-Chain-Manager, die sie umsetzen sollen, unverständlich sind, dann sind sie nicht nur schlecht formuliert — sie sind operativ wertlos.
CLM-Systeme sind die nächste Front. Contract-Lifecycle-Management-Plattformen beginnen, KI und Designprinzipien zu integrieren, aber die meisten behandeln Verträge noch immer als reine Textdokumente. Das Kapitel argumentiert, dass die eigentliche Transformation kommt, wenn CLM-Anbieter klare Sprache, visuelle Muster und KI-gestützte Vereinfachung vollständig in ihre Kernprozesse integrieren — nicht als Zusatz, sondern als Standard. Für Kanzleien, die zu Beschaffung oder Supply Chain Management beraten, ist das ein Evaluierungskriterium, das Sie bei den Technologieteams Ihrer Mandanten ansprechen sollten.
Die Erwartungen der Mandanten verschieben sich. Die Anekdote im Kapitel ist bezeichnend: Ein Unternehmer bezahlte 5'000 USD für ein verschachteltes juristisches Memo, wartete drei Wochen, erhielt dann dieselbe Auskunft von Claude (Anthropics KI) in Sekunden — in klarer Sprache. "It basically said the same thing, except instantly and easy to understand." Der Post endete mit "RIP most legal work." Sie können das als Social-Media-Übertreibung abtun — oder das Signal erkennen.
80%
B2B-Vertragsklauseln
betreffen geschäftliche, nicht juristische Themen
5'000 USD
Kosten juristisches Memo
für eine Auskunft, die KI in Sekunden lieferte
10+
Design-Pattern-Familien
in der WorldCC Contract Design Pattern Library
Der KI-gestützte Vertragsdesigner
Das Kapitel prägt einen Begriff, den man sich merken sollte: den "AI-assisted Contract Designer." Das ist kein Ersatz für den Juristen — es ist eine Weiterentwicklung der Rolle. Statt undurchdringlicher juristischer Prosa entwirft der zukunftsorientierte Jurist mit KI-Unterstützung Verträge, die Menschen tatsächlich nutzen können: geschichtete, visuelle Dokumente in klarer Sprache, die als Kooperationsleitfäden dienen statt als abgelegte juristische Artefakte.
Das erfordert einen Denkwechsel. Von reaktiv zu proaktiv. Von reiner Risikobetrachtung zu Chancenorientierung. Von "von Juristen für Juristen geschrieben" zu "für alle gestaltet, die danach handeln müssen."
Die Proactive-Law-Bewegung — entstanden in den nordischen Ländern in den späten 1990er-Jahren und durch Legal-Design-Forschung weiterentwickelt — liefert den intellektuellen Rahmen. Generative KI liefert die Werkzeuge. Die Kombination ist wirkungsvoll.
Was Sie jetzt tun sollten
Wenn Sie Mandanten bei Verträgen beraten, drei konkrete Schritte:
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Prüfen Sie Ihre Vorlagen. Nehmen Sie Ihre fünf meistgenutzten Vertragsvorlagen. Lassen Sie sie durch ein GenAI-Tool laufen mit dem Prompt: "Markiere jeden Begriff oder jede Formulierung, die ein Nicht-Jurist nicht verstehen würde." Die Ergebnisse werden ernüchternd sein — und direkt umsetzbar.
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Experimentieren Sie mit geschichteten Verträgen. Erstellen Sie für Ihren nächsten wichtigen Vertrag eine Zwei-Ebenen-Version: eine Zusammenfassung in klarer Sprache oben, der vollständige juristische Text darunter. Das ersetzt den Rechtstext nicht — es ergänzt ihn um Nutzbarkeit.
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Überdenken Sie Ihr Wertversprechen. Wenn Ihre abrechenbaren Stunden hauptsächlich aus dem Verfassen dichter juristischer Texte stammen, die KI jetzt in Sekunden generieren kann, erodiert Ihr Wettbewerbsvorteil. Der dauerhafte Wert liegt in Urteilsvermögen, Strategie, Beziehungsgestaltung und der Fähigkeit, komplexe Situationen in klare, handlungsfähige Vereinbarungen zu übersetzen. Dafür werden Mandanten bezahlen.
Der Zauberspruch der juristischen Vertragssprache hatte einmal seinen Zweck. Er sicherte professionelle Autorität, signalisierte Expertise und schuf Markteintrittsbarrieren. Aber in einer Welt, in der KI diese Sprache sofort entschlüsseln kann, ist die Barriere verschwunden. Was bleibt, ist die Frage, die das Kapitel klar stellt: Sind Ihre Verträge Werkzeuge für Verständnis und Handlung — oder Rituale, die um ihrer selbst willen aufgeführt werden?
Checkliste für Verträge in klarer Sprache
0/0Der Bann bricht. Die Frage ist, ob Sie ihn brechen oder ihn noch sprechen.